Übersetzung der lateinischen Legende

 

Legende zur
Weltkarte von Johann Baptist Homann

Lieber Betrachter, wir fordern dazu auf, unsere geographische Weltkarte anzusehen, die wir, um sie noch interessanter zu gestalten, mit folgenden Naturphänomenen veranschaulichen wollen. Es sind die (I) feuerspeienden Berge, auf die wir uns hier beziehen, die, vom Schöpfer der Natur geschaffen, seit Beginn der Welt brennen, andere die aufgehört haben zu brennen, wieder andere die, wie wir herausfanden, in unserer Zeit zum ersten Mal Flammen ausstoßen, wie der Picus auf den Kanarischen Inseln, der nach einem ungeheuren Erdbeben am 24.Dezember 1704 mit einem fürchterlichen Flammenmeer zu erstarren begonnen hat. In unterirdischen Höhlen werden aus einer Masse entflammbarer Materieteilchen derartige Bergbrände erzeugt: es ist nötig, dass sie (die Brände) durch salzige, erdpechhaltige und schwefelhaltige Dämpfe andauern. Da aber der Druck des unterirdischen Feuers möglichst einen Ausgang sucht, wo weniger Hindernisse entgegenstehen, bricht es an abgelegenen Eingängen und ziemlich schwachen Berggipfeln unter fürchterlichem Getöse der Felsen und mit rußigem Verteilen der Asche und Funken, die weit fliegen, heraus. Solche Berge sind der Ätna auf Sizilien, der Vesuv in Calabrien, der Hekla in Island, und mehrere andere in Japan und in beiden Indien. Daher ereignen sich in höher gelegenen Landstrichen benachbarter Regionen (II) Erdbeben und beklagenswerte Erschütterungen eher als der Untergang so mancher Völker und Stämme, so mancher Städte, Bezirke und Befestigungen, wobei keine Spur übrigbleibt. Unter den übrigen Phänomenen aber beunruhigten noch viel mehr und täuschten beinahe völlig Flut und Rückflut, in unserer Sprache (III) Ebbe und Flut, berühmte Gelehrte dadurch, dass das Meer und die Flüsse, die gewohnt sind ins Meer zu fließen, an jedem einzelnen Tag an den Küstenregionen zweimal herbeifließen, über ihre Vertiefungen emporsteigen, zweimal wieder sinken und die überschwemmten Flächen wieder verlassen. Die meisten, wenn auch nicht alle, meinen, dass der vornehmliche Grund für diese wunderlichen Erscheinungen aufgrund der festen Verbindung der Bewegung des Mondes mit seinem Umfeld dem Mond zu Recht zugeschrieben werden muss. Diese Erfahrung ist außer Zweifel. Bei Aufgang des Mondes am Horizont des Meeres werde die Flut ungefähr innerhalb von sechs Stunden umso größer, je näher er den Äquator berührt, die Flut aber nehme ab und ziehe sich im selben Zeitraum von der Küste in Richtung Meer zurück, je mehr dieser (Mond) vom Äquator (Süden) nach Westen gewandert ist. Genau dasselbe ereignet sich gewöhnlich immer wie oben, wenn der Mond unterhalb des Horizontes steht und weil der Mond an den einzelnen fortlaufenden Tagen nahezu im Zeitraum einer Stunde wegen der ihm eigenen Bewegung etwas später aufgeht, verzögert es sich so genau, dass es leicht ist dies vorherzusagen: wie aber der Mond diese Wirkung erreicht und warum um den Neumond und dem Vollmond, besonders aber das, was im Monat März und September geschieht, ob die Fluten höher sind, ist noch nicht völlig klar. Dieses Phänomen werden sie mit Recht im Zusammenhang klären, den sie immer untereinander zu wahren pflegten.

(IV) Wasserstrudel oder Kanäle (Meerengen), belgisch Maelstrom, senken sich in unterirdische Verstecke dadurch, dass sie zu einer bestimmten Zeit eine große Wassermasse in einem Kreis führen, und strömen dann wieder hervor: Unter den wenigen nennen wir jenen den berühmtesten und größten bei Norwegen, dessen Umfang ungefähr fünf römische Meilen beträgt, in der Tat Wunder der Natur, der zum selben Zeitpunkt, zu dem die Ebbe eintritt, offenbar in einem Zeitraum von sechs Stunden, alles, das sich ihm nähert, wie zum Beispiel Walfische, Schiffe, Bäume und alles ähnliche durch Fortreißen umkreist und verschlingt. Und in genauso vielen Stunden, solange die Flut andauert, wirft er wiederum alles, was mit ungeheurer Gewalt und Getöse verschlungen und elendiglich zerfleischt wurde, in große Höhen wieder aus. Der Grund dafür ist ebenso noch nicht klar. Schließlich rät unsere wissenschaftliche Neugier dazu, einige Erörterungen über die Winde (V) anzustellen. Die Winde sind ziemlich heftige Bewegungen der Luft, von einem Ort zum andern, die allesamt von einem ersten andauernden veranlassenden Ursprung, von einem stetigen morgenländischen Wind unter dem Äquator ihren Ausgang nehmen, dessen Ursprung die einen von der Erdbewegung über eine Achse von Westen nach Osten, ableiten; andere aber meinen, unter ihnen Eduardus Hallejus, ein sehr gelehrter Engländer, erfahren durch seine eigenen Untersuchungen auf seinen südlichen Reisen, dass dies durch die sehr starke Sonnenstrahlung gegenüber Luft und Wasser innerhalb des Wendekreises und der daraus folgenden sehr großen Verdünnung erklärt werden muss, also aus einer anderen Quelle, deswegen weil die Winde vom Westen auch nahe der Küste Guineas und gelegentlich am Äquator im indischen Meer angetroffen werden. Daher kommt es nämlich, dass der Anteil der Luft unter der Sonne, der durch die Verdünnung nach oben gebracht wird, ständig in tiefergelegene westliche natürlich wegen der Kälte der fortschreitenden Nacht beschränkte Gebiete fließt und so einen allgemeinen morgenländischen Wind verursacht, von dem die Erfahrung lehrt, dass er im Folgenden von der verschiedenen Lage hoher Berge und Länder an vielen Stellen in Gegenrichtung sich ändert und in andere Zonen verbreitet wird, je nachdem wir Pfeile über den entsprechenden Stellen auf unserer Weltkarte angemerkt haben. Und nicht weniger Übereinstimmung besteht in der Erfahrung, dass Stürme und Veränderungen der Luft sehr stark von der unterschiedlichen Bedingung für die Winde abhängen, so dass es daher in unserem Gesichtskreis das Eingeständnis gibt, dass jene aus den Winden vorhergesagt werden und ebenso (VI) Regen, jedes mal wenn kleinste Tröpfchen, falls außerordentlich große Wolken strotzend von großer Sonnenhitze in die Luft getragen werden, gewöhnlich zusammenfließen und schließlich wegen der Schwerkraft herunterfallen, wenn jene (Hitze) wieder nachlässt. Wir machen darauf aufmerksam, dass sogar Schnee und Hagel drohen, wenn Regen sich aufgrund von kälterer Luft während des Herunterfallens in Flocken oder kleine Eisklumpen verwandelt. Zum Schluss machen wir aufmerksam auf den (VII) Regenbogen, die eleganteste Himmelserscheinung, der, wenn Regen vorangeht oder bald den kleinen in der Luft herabtauenden Wasserteilchen folgt, von der unterschiedlichen Reflexion und Brechung der Sonnenstrahlen, die in diese (Wasserteilchen) hineinfallen, auf wunderbare Weise mit verschiedenen Farben in einen sichtbaren Bogen schön anzusehen, am Himmel verteilt wird. Soviel über die oben dargestellten Phänomene. Leb wohl geneigter Leser!

 

Der Text wurde freundlicherweise übersetzt von Claus Schütz, Neu-Ulm.